Dienstag, 9. Juni 2009

Bammm – Zweiter Pa’a-Tag

Liebe Leute,

es ist – jetzt zu Beginn meines Schreibens – 21.20 Uhr. Trainiert habe ich, Nudeln gekocht auch, natürlich auch schon gegessen, und der Abwasch ist auch schon gemacht. Der Kinofilm ist ausgefallen, weil niemand da war. So sagte mir der Filmvorführer. Und für mich einzelnen Verspäteten wollte er die Mühle auch nicht anschmeißen. Mist, hatte ich doch gedacht, so der Einsamkeit ein wenig entfliehen zu können. Ach hätte ich doch bloß ein gutes Buch mitgenommen. Vergessen. Es bleibt mir also nichts übrig, außer – richtig – zu bloggen. Nein, das ist keine Lückenbüßerei, es macht mir ja Freude. Und heute mal wieder besonders.

Noch mal Anna inmitten der Vulkanlandschaft

Was ist also passiert seit meinem 202er am Sonntag? Eigentlich nicht viel. Gestern war ja Ruhetag. Das heißt hier – wenn man alleine ist – dass man morgens 12 Kilometer läuft und abends noch mal 2300 Meter schwimmt. Schwimmen ist echt cool hier. Ich gehe immer am Abend, weil dann nix mehr los ist. Eigentlich habe ich dann immer eine Bahn für mich. Und das Wasser ist so wahnsinnig angenehm hier. Irgendwie machen die im LaSanta eine Salzwasser-leichte-Chlor-Mischung. Und das ist super! Ich merke quasi nichts anschließend – während mir in Hamburg den ganzen Tag die Nase läuft und die Augen rot sind.

Zwischen den beiden Einheiten habe ich zuerst faul in der Sonne gelegen. Und mir in der Mitte des Rückens ein Teller große Fläche total verbrannt. Logisch, denn so sehr ich mich auch angestrengt habe, ich konnte mich dort nicht alleine einreiben. Und die norwegische Damen-Nationalmannschaft im Handball wollte ich auch nicht fragen. Da waren zwar ein paar nette dabei, aber was, wenn sich plötzlich die 1,90-Frau aus dem Rückraum gemeldet hätte. Lieber nicht.

Nach dem Sonnenbad (-brand) bin ich dann eine 120er Runde gefahren – mit dem Auto. Und der Weg führte mich an einem weiteren Highlight des leider verstorbenen Künstlers Cesar Manrique vorbei, dem Kakteen-Garten. Total schön arrangiert und überhaupt. Wirklich toll. Mittlerweile habe ich hier echt ne Menge Dinge gesehen, die Ihr, wenn Ihr mal hier her kommt, nicht verpassen dürft. Und auch nicht müsst, denn die meisten Sachen kann man mit dem Training verbinden. Ist doch egal, ob man eine 100er-Runde zwischendurch mal für ne Stunde unterbricht. Training ist Training. Und im Grundlagenausdauerbereich eh Wurst.

Kleiner Eindruck von dem Jardin de Cactus

Gestern Abend fühlte ich mich dann ein wenig komisch. Meine Gedanken straften die Klimaanlage im Auto ab. Dennoch schwirrte mir für den heutigen Tag schon ein weiteres Ziel durch den Kopf. Ich musste nur abwarten, wie die Nacht verläuft und wie ich mich am Morgen fühle.

Juut, die Nacht war nicht besonders, aber wen stört das schon. Ich um 7.15 Uhr aufgewacht, und dann – Ihr kennt das – die heiße Diskussion zwischen linker Schulter Teufelchen und rechter Schulter Engelchen. Nun, Engelchen, besser gesagt, Müllerchen hat gesiegt. Also aufgestanden, Frühstück, Reifen aufgepumpt, Sattel halben Zentimeter nach oben, Flaschen klar gemacht, Blick zum Himmel, lieber mal das etwas dickere neue Basso-Shirt anziehen, gut mit Sonnenmilch einreiben, fünf Riegel in die Tasche – fünf Riegel? So viel? Ja, so viele! – und raus auf den Hinterhof. GPS angeschaltet, aufgesessen und los.

Nach rund 200 Meter war ich drauf, auf der Ironman-Strecke. Die war mein Ziel heute. Und ich wollte mal sehen, was so rauskommt, wenn ich einigermaßen scharf fahre. Heißt: Nicht mit allerletzten Druck, aber immer konsequent in Aeroposition und dranbleiben. Nach zwei Stunden war ich auf dem Mirador del Rio. Au, tat mir mein linker tiefer Rücken weh! Ob das mit der Sattelerhöhung zu tun hatte. Ich nahm es an, wollte jetzt aber nicht schrauben. Eine Riegelpause im Stehen, besser gehen, damit der Rücken loslässt, und weiter ging’s nach knapp fünf Minuten. Schon jetzt war eigentlich klar, dass sich das mit dem „nicht allerletzten Druck“ auch schon fast erledigt hatte. Warum nicht mal Wettkampftempo (WST, Wettkampfspezifisches Tempo, logisch) fahren. Also Kopf runter und Druck – genau, wie es bei Martin während des Ironmans-Lanzarote 2008 auf dem Rahmen stand. „Bammm“, dachte ich. Ein Unwort zwar, aber irgendwie heizte mich das heute an.

Jetzt weiß ich auch, dass sich die Nazaret-Passage besser schnell und auf dem Aerolenker fahren lässt. Na Gott sei Dank. Aber nervig ist die Passage schon. Schön immer noch die Strecke von Conil (kurz zuvor steht „Wille ist Alles!“ in großen Lettern auf dem Asphalt) runter nach Puerto del Carmen. Wuii, geht das schön bergab und immer linke Kurve, rechte Kurve, links, rechts – herrlich. Puerto del Carmen ist hingegen ein Alptraum ohne Straßensperren. Zumal die da alles im Zielbereich umgebaut haben. Also einfach dort, wo das Ziel war umgedreht und weiter.

In Uga musste ich einfach noch mal anhalten. Meine zwei Pullen waren leer, und da ich ja nicht verpflegt wurde, ich auch. Also rein in den Schuppen: ein Liter Wasser, zwei Dosen Cola, eine Dose Ice-Tee, eine Packung Tuc. Knapp 15 Minuten habe ich dort pausiert. Ging nicht anders, musste ja alles erstmal gestaut beziehungsweise verdrückt werden. Ein echter Vorteil war die Pause indes nicht. Was fiel es mir schwer, wieder loszufahren. Unglaublich.

In El Golfo hat mich dann der Wind gefoppt, aber da war mir eh schon alles egal. Die ganze Zeit hatte ich eh nur das Wort „Bammm“ im Kopf, und das Ziel, einen 30er Schnitt zu fahren. Verdammt, das musste doch irgendwie möglich sein. Auf der Gerade in die Feuerberge stand dann der Wind so stark, wie die ganzen vergangenen zehn Tage nicht. „Foulspiel!“, wollte ich rufen, ließ es aber bleiben, da jeder Atemzug wichtig war. Die ganze Zeit fragte ich mich, ob es möglich sei, diese vermaledeiten sechs Stunden zu schaffen.

Das Foto ist nicht von heute – logisch.

„Ruhe bewahren“, sagte ich mir immer wieder, „einfach nur die Ruhe bewahren, Du kannst das.“ 16 Minuten hat mich der Anstieg gekostet. Das war – so meine ich – am Ende einer so langen Runde nicht schlecht. (gemessen wird von der Einbuchtung am Straßenrand noch vor dem Timanfaya-Zeichen, bis zum Straßenschild nach der kleinen Senke, 1000 Meter hinter den Kamelen). Nun hatte ich noch rund 30 Minuten für 20 Kilometer. „Aber“, so wusste ich, „10 flach, 10 runter.“ Und wieder: „Ruhe bewahren, Du kannst das.“ In jede Kurbelumdrehung reingehorcht, ist es der richtige Gang, die richtige Frequenz?

Dann der Gegenwind von Tinajo an bergab. Was sollte das nun? Musste doch nicht sein. Ist zwar immer so, aber nicht immer so stark. „Ist mir doch jetzt auch egal, das hält mich nicht auf. Und wenn es nicht reicht, so werde ich dennoch zufrieden sein.“ In LaSanta, die Hubbel auf der Straße, die letzten Hindernisse. Weiter drücken, es sind noch zwei Kilometer. Ein letzter kleiner Anstieg, ach was, eine Welle, und „Stop“ drücken.

Nach 176,5 Kilometern (Schiebung!) und 2340 Höhenmetern (Schiebung!) blieb die Uhr bei 5:54 Stunden stehen. Jepp! Und jetzt der Schnitt: 29,84 km/h. Ja darf es wahr sein. Zwei flache Kilometer noch, und ich hätte es gehabt, bestimmt!! Egal. Ich war sehr, sehr zufrieden mit meinem Tag. Ein Check mit Maik in Hamburg hat übrigens ergeben, dass diese Radzeit gerade einmal die 20. in meiner Alterklasse gewesen wäre. Ja spinnen die denn, die anderen 40er?! Nun ja, immerhin eine Hausnummer. Und der 202er war ja vielleicht auch noch in den Knochen.

Zur Belohnung habe ich von 15 bis 17 Uhr dann wieder in der Sonne gelegen. Schön. Ach, und dann war ich eben natürlich noch 2100 Meter schwimmen. Jawohl. Ging ganz gut. Macht auch langsam richtig Spaß. Kann mir nicht einer so ein Bad in meine Straße in Hamburg bauen?! Bitte mit ähnlichem Wasser, wenig Betrieb und – ganz wichtig – die Sonne nicht vergessen.

Jutchen, so weit erstmal wieder von hier. Jetzt ist 10 und bis ich das hier online habe wird es 11 sein. Bis dahin ist das Sixpack halbiert und ich habe eine schöne Bettschwere. Und morgen? Morgen wird trainiert. Mal sehen was. Mir schwirrt da was durch den Kopf.

In diesem Sinne. Pa’a!

Euer mathias

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Wow, was hab ich nur für einen tollen Mann!
Stolz bin ich auf Dich.
Die Woche geht doch dann so weiter, oder?

Alles Liebe,
anna

Rainer aus Paderborn hat gesagt…

Wooo! Good luck for tomorrow! :)

Anonym hat gesagt…

Hi Mathias,

habe die beiden letzten Eintraege erst gerade und im Doppelpack gelesen. Mannomann...

Erstens: Ich fang fast an zu heulen ob der ganzen hochkommenden Erinnerungen an letztes Jahr.

Zweitens: Hammerleistungen, die Du da raushaust!

Drittens: Wuerde gerne Projektbuch und Reisefuehrer vorbestellen. Ganze tolle Sache!

Wuensche Dir fuer die verbleibenden Wochen noch alles Gute!

Bei mir ists am Sonntag die Challenge Kraichgau. Und wohl werde ich Bukarest im August den Ruecken kehren, da muesste dann natuerlich auch in der Nachbarschaft in Hueckeswagen gestartet werden.

Bis denne
Soeren

Tim hat gesagt…

Wow man gut ich gucke hier von Zeit zu Zeit mal rein.
Da bleibt einem ja echt die Spucke weg, was Du da abreißt.
Hut ab und was für einer...

Christoph hat gesagt…

Hey Mathis,

kann mir jemand helfen mein Unterkiefer vom Boden aufzuheben und die Zunge einzurollen, weil Kiefer und Zunge sind nach Lesen der letzten zwei Blogs einfach so runter auf den Boden gefallen und ich krieg den Mund vor Erstaunen nicht mehr zu!

Hut ab, hut ab...

Christoph aus FFM


P.S.: Bin am Dienstag mal die 90km /1500 HM Radstrecke vom 70.3er in Wiesbaden abgefahren...alter Vater...ich dachte "Radfahren" würde deshalb nicht "Bergsteigen" heißen, weil es zwei verschiedene Dinge wären...nunja...man lernt nie aus :-)

Anonym hat gesagt…

Hey Mattes,

du gibst es dir ja mal wieder richtig. Respekt!

Macht Spaß, das zu lesen.

Gruß Carsten

Dirk Kröger hat gesagt…

...ohne Worte ... :o))

RoadrunnerHH hat gesagt…

Wow! Da geht ja noch einiges auf der Insel! Es macht einfach immer wieder Spaß den Blog zu lesen und sich dann wieder selbst aufs Rad zu setzen und hier gemütlich im flachen etwas kühlem Hamburg ein paar Stunden abzuspulen und sich vorzustellen, wie schön das jetzt auf einer sonnenverwöhnten Insel sein müsste.

Also mach weiter so Matthias und ich freue mich auf die Lektüre im Winter/Frühjahr.

Viele Grüße
Florian